Vor einigen Wochen bin ich auf die Ausschreibung des Lyrikpreis München zum Thema „Dürers Melencolia I und die Gravur der Gegenwart“ http://lyrikpreis-muenchen.com/ gestoßen.
Was ich sehr daran mag, ist dieses museale Emporhalten alter Werke und dessen Gewahrwerden.
Seither taucht der Stich immer wieder auf, piekst sich in meine ganz anders geartete Gegenwart und fordert mehr, als ich möchte. Da sitze ich nun, von ihm begleitet, und er widerspricht, fordert, deutet, wuchert und verzweigt unweigerlich. So entstand „Sein & Sein“, ein Zwei-in-Einem-Gedicht. Was ist hier nur geschehen.

SEIN & SEIN
Das Licht ist grell, der Strahl ist hart,
ein Tier, das nur den Namen wahrt.
Komet, der uns das Unheil bringt,
ein Bote, der im Zwielicht singt.
Das Meer ist Strich, nur Hintergrund,
es tut hier keine Tiefe kund.
Die See, die an das Ufer schlägt,
und Ewigkeiten in sich trägt.
Der Stein ist rund, das Tuch liegt drauf,
er gibt das Mahlen einfach auf.
Ein Denken, das im Kreis sich dreht,
und nie mehr von der Stelle geht.
Ein Klotz aus Stein, den ich nur schuf,
zu klobig für den Bauberuf.
Die Form, die tiefstes Wissen hält,
ein Schweigen, das vom Himmel fällt.
Die Tafel hängt, die Summe stimmt,
die Zahl, die jeden Zauber nimmt.
Ein Gitter, das das Unheil bannt,
ein Schutz, den nur der Weise kennt.
Der Sand rinnt durch, ich dreh ihn nicht,
die Zeit verliert hier ihr Gewicht.
Die Ewigkeit, die stumm verrinnt,
wo Endlichkeit den Sinn gewinnt.
Die Waage hängt, sie wiegt nur Luft,
weil kein Ergebnis nach ihr ruft.
Das Gleichgewicht, das niemals steht,
und prüfend durch die Seele weht.
Der Hund liegt still, ein Muskelstrang,
ihm fehlt das Wort, der Tatendrang.
Die Kreatur, die Treue spürt,
vom Leid der Welt ganz unberührt.
Der Knabe krakelt, stört mich nicht,
ein Kind nur, ohne Gleichgewicht.
Der Geist, der blind dem Eifer traut,
und staunend auf die Wahrheit schaut.
Das Buch ist zu, der Riegel fest,
das Lesen gab mir nur den Rest.
Das Wissen, das verschlossen liegt,
und schwer nur das Gemüt besiegt.
Das Werkzeug liegt nun stumpf im Dreck,
die Arbeit fort, der Sinn ist weg.
Symbole voller Schaffenskraft,
die Weisheit aus dem Chaos schafft.
Der Zirkel ruht in meiner Hand,
weil ich im Nichts keine Maße fand.
Ein Zeichen für den Weltenlauf,
die Ordnung zieht der Geist sich auf.
Ich sitze fest, die Hand ist leer,
ich kann nicht, will nicht, tue nicht mehr.
Der Blick, der in die Ferne dringt,
und ewig mit dem Rätsel ringt.
Levion