Mein lieber Freund, Museologe
Lieber Tempelwächter,
deine Berufung führt mich heute nicht zu alten Gemälden, sondern zu meiner eigenen Ausstellung, jener Sammlung, die mich täglich umgibt.
Ich habe sie selbst erschaffen, aus den Formen, Dingen, optimierten Routinen und kaum bemerkten Gewohnheiten. Nicht bewusst kuratiert, doch alles steht an seinem Platz, als folgte es einem unausgesprochenen Plan. Ein System, das sich mir selbst erklärt, still und zuverlässig wie eine vertraute Geste.
Manchmal stelle ich mir vor, ich könnte kleine Zettel anbringen, Nummern, Beschreibungen, Funktion für jene, die mich besuchen.
„Objekt Nr. 23: Tasse, matt, Sprung im Griff.
Verwendung: täglich.
Zeugnis einer Routine, die Geduld verlangt.
Bitte nicht anfassen.“
„Objekt Nr. 47: Lederjacke, abgewetzt,
bereits vom Vater getragen.
Familiäre Uniform und Symbol gesellschaftlicher Provokation, getragen, um nicht dazuzugehören.“
Vielleicht ist das mein gehegtes Museum, eine Sammlung aus Gewohnheiten, Erinnerungen, und Dingen, in denen ich mich spiegele, bewusst gestellt, unbewusst ausgestellt.
So betrachtet, ist jeder Gegenstand in meinem Umfeld ein Museumsstück meiner Epoche, ein Artefakt, das zeigt, wie Leben, Funktion und Konsum zusammenfallen.
Doch wenn alles um uns Ausstellung ist, leben wir dann nicht längst in einem Museum der Moderne?
Ja klar, der Fehler liegt vielleicht in meiner Sprache, in der unzeitgemäßen Art, diese Dinge zu deuten. Aber gerade in dieser Unvollkommenheit liegt für mich der Anfang jeder Geschichte. Denn Fortschritt entsteht nur dort, wo das Ideal und das Reale noch im Widerspruch stehen.
Würde eines Tages ein Zustand erreicht, in dem dieser Widerspruch verschwindet, wo Ideal und Realität deckungsgleich werden, dann gäbe es keine Geschichte mehr. Nur noch Gegenwart. Und kein Menschsein im eigentlichen Sinn.
Alles strebt zum vollkommenen Ausgleich zwischen Wunsch und Wirklichkeit. In dieser Ruhe, in der das Ideal bereits erfüllt ist, wird das Museum überflüssig. Ja kein Objekt müsste mehr bewahrt, kein Fortschritt mehr dokumentiert werden. Das Höchste Ideal wäre erreicht: Gleichgültigkeit oder vollkommene Übereinstimmung. Ein Zustand, in dem Geschichte selbst zu atmen aufhört.
Vielleicht ist es vermessen, zu glauben, dass ein Objekt, durch die bloße Gegenüberstellung, den Betrachter in Frage stellen kann. Aber allein die Vorstellung eines Ideals und der unvollkommene Versuch, es zu verkörpern, sind der Antrieb aller Veränderung.
So entsteht Technologie, Gesellschaft, Konsum, Kritik, nicht aus Vernunft, sondern aus dem Traum des Besseren.
Darum, so scheint mir, ist das Museum der letzte Ort, an dem Kritik frei gedeihen darf und die Gegenwart grundsätzlich hinterfragt.
So bist du, mein Freund, für mich der Hüter dieses Bewusstseins, ein Tempelwächter der Kritizia, der kuratiert und zeigt, dass Wandel möglich ist und nichts, woran wir festhalten, einem Ideal entspricht.
Dein Levion