I Ankommen, Wahrnehmung
(Sie öffnet die Tür. Der Regen hängt noch in ihrem Haar. Eine Kerze brennt. Wein. Ein Atemzug.)
Er: Du bist spät.
Sie: Ich wollte nicht pünktlich wirken.
Er (lächelnd): Pünktlichkeit ist doch auch nur ein Kompromiss mit der Zeit.
Sie: Und du kompromisslos wie immer.
Er: Nein. Nur angekommen.
Sie: Wo?
Er: Hier. Vielleicht.
(Sie stellt ihre Tasche ab, sieht sich um)
Sie: Du hast aufgeräumt.
Er: Ich wollte, dass du glaubst, ich hätte mich verändert.
Sie: Und?
Er: Ich glaub´s fast selbst.
(Sie nimmt das Glas)
Sie: Immer noch derselbe Wein?
Er: Der letzte Rest vom Alten.
Sie: Symbolisch?
Er: Zufall. Aber du darfst es gern überinterpretieren.
(Sie lächelt)
Sie: Schon wieder philosophisch?
Er: Nur müde.
Sie: Müde Philosophen sind gefährlich.
Er: Und du?
Sie: Ich bin nur schön erschöpft.
(Eine kurze Stille)
Er: Wahrnehmung erschafft Welt.
Sie: Dann hör auf, mich so zu erschaffen.
Er: Zu spät.
(Sie lächelt müde)
Sie: Das hab ich befürchtet.
II Ruhe, Erkenntnis im Stillsein
(Sie sitzt, zieht die Beine unter sich. Der Regen draußen ist gleichmäßiger geworden. Nur die Kerze bewegt sich)
Er: Du redest nicht.
Sie: Du hörst zu laut.
Er: Ich wollte nur die Stille teilen.
Sie: Dann tu´s leiser.
(Eine Pause. Er schenkt Wein nach)
Er: Komisch, ich denke, sobald wir nichts sagen, verstehen wir uns.
Sie: Das denkst du, weil du Worte magst.
Er: Und du nicht?
Sie: Nur, wenn sie atmen dürfen.
(Eine kleine Bewegung, sie lehnt sich an)
Er: Kein Ziel mehr heute.
Sie: Nein. Nur Dasein.
Er: Und wenn das alles ist?
Sie: Dann ist es endlich genug.
(Stille. Man hört nur das Tropfen)
Er: Ich schwieg zuerst.
Sie: Du?
Er: Ich hab angefangen, nichts zu sagen.
Sie (lächelt): Dann warst du wohl ich.
III Das Feuer, Verantwortung und Verlust
(Ein zerknülltes Blatt liegt neben der Kerze. Er sieht es an, sie sieht ihn)
Sie: Wieder ein Satz, der nicht leben wollte?
Er: Er war zu schön, um wahr zu sein.
(Er hält das Blatt über die Flamme, zögert)
Er: Sollte ich schreiben, was andere Ideen verbrennt?
Sie: Du tust es längst.
(Sie lächelt schmal)
Sie: Wir schüren Feuer in Köpfen, ohne zu wissen, wen es wärmt und wen es verbrennt.
(Eine Pause. Er lässt das Blatt fallen, es brennt kurz auf)
Er: Ich brenne, damit nichts bleibt, was uns trennt.
Sie: Und verbrennst, was uns berührt.
(Sie tritt näher)
Sie: Ich wünschte, du würdest jede Zeile über mich ins Feuer werfen.
Er: Und dann?
Sie: Dann hättest du nur noch den Moment und keine Ausrede mehr.
IV Spiegelung, Denken und Nähe
(Sie dreht das Glas in der Hand, sieht durch den Wein. Sein Gesicht spiegelt sich, verzerrt und warm)
Sie: Du siehst seltsam aus von hier.
Er: Verzerrt oder ehrlich?
Sie: Wie jemand, der sich selbst beim Denken beobachtet.
Er: Und?
Sie: Ich glaub, du denkst zu viel, um wirklich da zu sein.
(Eine Pause. Er lehnt sich zurück)
Er: Denken schafft Abstand.
Sie: Und Nähe hebt ihn auf.
Er: Ich seh mich nur, wenn du hinsiehst.
Sie (leise): Und ich mich, wenn du nicht wegblickst.
(Einen Moment lang ist es still)
Er: Wenn das Glas leer ist, sind wir verschwunden.
Sie: Dann füll es lieber langsam.
V Nähe, Sinnlichkeit als Erkenntnis
(Sie rückt näher. Der Wein riecht nach Pflaume und Rauch. Zwischen ihnen kaum noch Luft)
Er: Ich glaub, du riechst nach Versmaß.
Sie (lacht): Das ist neu.
Er: Nach Zeilen, die nicht enden wollen.
Sie: Und du nach Tinte.
(Eine kurze Stille, dann flüstert sie:)
Sie: Schreibst du mich grad?
Er: Nur, wenn du atmest.
Sie: Ich atme schon zu laut.
Er: Perfekt für den Rhythmus.
(Sie streicht ihm über die Hand)
Sie: Du nimmst das zu wörtlich.
Er: Worte sind das Einzige, was ich wirklich anfassen kann.
Sie: Und wenn ich dich berühre?
Er: Dann schreib ich mit der Haut.
VI Zwischenspiel, Körper bricht Geist
Sie: Manchmal denk ich, Liebe ist nur das, was…
(Sie trinkt, verschluckt sich, hustet)
Er: Scheiße, bist du okay?
Sie (prustet, lacht): Ja, fuck.
(Pause. Sie wischt sich den Mund. Er sieht sie an)
Er: Du siehst…
Sie: Was?
Er: Ich…
(Er bricht ab. Längere Pause)
Sie: Du was?
Er (leise): Ich hab keine Ahnung, was ich sagen soll.
Sie: Dann lass es.
(Noch längere Pause. Sie sehen sich an)
Er: Ich kann nicht.
Sie: Doch.
(Sie nimmt seine Hand, legt sie an ihr Gesicht)
Sie (flüstert): Jetzt kannst du.
(Er küsst sie. Langsam. Stille)
VII Traum, Wirklichkeit im Schlaf
(Das Feuer ist nur noch Glut. Die Kerze ist kurz)
Sie (halb im Schlaf): Sag was.
Er: Ich hör dir lieber beim Träumen zu.
Sie: Dann verpass ich mich.
Er: Ich find dich da, wo du mich verlierst.
(Ein leises Rascheln)
Sie: Ich glaub, ich red im Schlaf.
Er: Vielleicht bin ich dein Satz, den du nicht beenden wolltest.
Sie (flüstert): Und wenn du nur mein Traum bist?
Er: Dann träum mich weiter.
(Stille. Nur Atem)
Sie: Ich mag, wie du in Gedanken bleibst, auch wenn ich schon weg bin.
Er: Ich bleib, bis du mich vergisst.
VIII Schöpfung, Atem wird Text
(Er sitzt im Halbdunkel. Das Papier erleuchtet im Kerzenlicht. Ihr Atem wird sein Takt)
Sie (müde): Du schreibst schon wieder.
Er: Nur das, was du atmest.
Sie: Dann halt den Atem an.
Er: Das wär Mord am Text.
(Sie öffnet die Augen, lächelt schläfrig)
Sie: Was wird es diesmal?
Er: Keine Idee. Nur Bewegung.
Sie: Du schreibst mich schön.
Er: Du atmest mich wahr.
(Eine längere Stille. Dann, leise)
Sie: Wenn ich still bin, schreibst du besser.
Er: Dann atme lauter.
IX Versöhnung, Innen und Außen
(Der Regen hat die Nacht übernommen. Tropfen laufen über das Fensterglas.
Das Feuer ist aus, aber der Raum hält noch Wärme)
Sie: Hörst du das?
Er: Der Regen.
Sie: Nein, wie er dich nachmacht.
(Ein Lächeln, kaum sichtbar)
Er: Ich hab keine Melodie.
Sie: Doch. Immer, wenn du atmest.
(Sie streicht mit dem Finger eine Spur am Glas)
Sie: Innen und außen … das ist doch nur eine Laune des Fensters.
Er: Oder eine Entscheidung des Blicks.
Sie: Dann schau raus.
Er: Ich seh dich im Spiegel des Regens.
(Sie lehnt die Stirn ans Glas)
Sie: Wir teilen den Regen, nicht den Himmel.
Er: Dann regnet es richtig.
X Geliebte, Erinnerung und Loslassen
(Das erste Licht. Kein Feuer mehr. Nur Kerzengeruch und Papier.
Er sitzt noch da, sie halb wach, halb lächelnd)
Sie: Hast du mich aufgeschrieben?
Er: Nur das, was sich nicht löschen ließ.
Sie: Und was ist das?
Er: Du. Zwischen zwei Atemzügen.
(Sie setzt sich, sieht ihn an)
Sie: Du hast Angst, dass ich verschwinde, wenn du aufhörst zu schreiben.
Er: Vielleicht bleibst du nur, solange ich’s versuche.
Sie: Dann versuch leiser.
Er: Ich kann nur flüstern.
(Sie steht, geht ans Fenster)
Sie: Weißt du, was das Schlimmste an Musen ist?
Er: Dass sie fortgehen?
Sie: Dass sie zurückbleiben, wenn man sie loslässt.
(Eine Pause)
Er: Schreib nicht über mich, hast du gesagt.
Sie: Und doch hast du.
Er: Sonst wärst du verschwunden.
Sie (leise): Oder endlich da.
XI Nachbild, Stille
(Das Licht ist grau. Der Tisch ist leer. Nur ein leiser Geruch von Wein und Wachs)
Sie: Bist du noch hier?
Er: Vielleicht.
Sie: Ich hör dich nicht.
Er: Dann ist es wohl still geworden.
(Eine lange Pause. Draußen ein Vogel. Sie lächelt fast)
Sie: Schreib das nicht auf.
Er: Ich hab’s schon vergessen.